Gedichte schlummern auf Papier und werden erweckt, wenn sie gesprochen werden. Das gleiche Gedicht, von verschiedenen Personen vorgelesen, wirkt jedes Mal anders. Beim lebendigen Vorlesen geht es um die Stimme, Betonung, Bühnenpräsenz und den Kontakt zu den Zuhörern.
Seit September 2025 gibt es in der Evangelischen Stiftung eine Gedichte-Gruppe. Viele unserer Bewohner haben früher in der Schule oder bei Feierlichkeiten Gedichte vorgetragen. Für manche war das ein Gräuel; andere haben es gerne gemacht. Nun wurden diejenigen eingeladen, die Gedichte lieben, früher bereits vorgelesen haben oder es jetzt einfach ausprobieren wollen. Anfangs haben wir Gedichte zum Thema Herbst gelesen, später kamen Winter – und Weihnachtsgedichte dazu. An einem Nachmittag ging es um das Thema „Frieden“, daraus haben sich berührende Gespräche ergeben. Ein Teilnehmer fragte: „Was ist das Ziel dieser Ausbildung?“. Die Gedichte-Stunde soll ein Rahmen sein für eine andere Art sich miteinander auszutauschen. Es geht auch darum, aktiv zu sein und vorhandene Fähigkeiten zu nutzen, jeder ist mal dran. Mit den Übungen – ganz leicht und spielerisch – kann man das Sprechen verbessern – man lernt ja nie aus.
Warum die Zitronen sauer wurden
Von Heinz Erhardt
Ich muß das wirklich mal betonen:
Ganz früher waren die Zitronen
(ich weiß nur nicht genau mehr, wann dies
gewesen ist) so süß wie Kandis.
Bis sie einst sprachen: „Wir Zitronen,
wir wollen groß sein wie Melonen!
Auch finden wir das Gelb abscheulich,
wir wollen rot sein oder bläulich!“
Gott hörte oben die Beschwerden
und sagte: „Daraus kann nichts werden!
Ihr müßt so bleiben! Ich bedauer!“
Da wurden die Zitronen sauer.
– Heinz Erhardt –

